Leto

Russland, Frankreich 2018

Leningrad im Sommer in den frühen 80er Jahren: Vor der Perestroika werden die Platten von Lou Reed und David Bowie geschmuggelt und eine Rockszene entsteht. Mike und seine Frau Natacha treffen den jungen Viktor Tsoï. Umgeben von einer neuen Generation von Musikern werden sie den Lauf des Rock"n"Roll in der Sowjetunion verändern.

Regie
Kirill Serebrennikow
Besetzung
Roma Zver, Irina Starshenbaum, Teo Yoo
Länge
140 min
Programm

Leto bedeutet Sommer, und an einem lauen Sommerabend am Strand der baltischen See begegnen sich auch die drei Hauptfiguren von Kiril Serebrennikovs Film, die bald ein musikalisches und emotionales Dreieck bilden werden, das die Leningrader Musikszene der 80er Jahre prägt. Die Frau zwischen zwei Männern ist Natacha, die mit dem älteren Mike zusammen ist, einem schon etablierten und auch schon etwas desillusionierten Musiker. Im einzigen Club Leningrads, in dem der Staat Rockmusik erlaubt – wenngleich dort selbst ein rhythmisches Mitwippen von den Tugendwächtern mit bösen Blicken bedacht wird –, ist er der Mittelpunkt: Er entscheidet, welche Bands eine Chance erhalten, wer Teil des Zirkels von zumindest im Ansatz subversiven, anarchischen Menschen wird, die versuchen, sich mit dem System zu arrangieren. Der Dritte im Bunde ist Viktor, der an diesem Sommertag noch ein Unbekannter ist, ein blasser Typ, der die Nähe der etablierten Musiker sucht. Mit seinem asiatischen Aussehen sticht er ohnehin schon heraus, doch was ihn bald zum Star der Szene machen wird, ist seine Musik, seine Texte, die die Stimmung einer Generation einfangen. Niemand kann sein Talent übersehen, auch Mike nicht, der so sehr an Freiheit und Selbstbestimmung glaubt, dass er es auch akzeptiert, als Natacha eine Affäre mit Viktor beginnt. Zwei Stunden taucht Serebrennikov in die Welt Leningrads ein, evoziert Stimmungen und Emotionen und weist gerade dadurch, dass er die Bedeutung dieser Ära nicht in Worte fasst, auf ihre heutige Relevanz hin. Gerade für einen offenen Regimekritiker wie ihn, der wegen angeblicher Unterschlagung unter Hausarrest gestellt wurde, ist dieser Blick in die Vergangenheit ein Spiegel der Gegenwart. Die letzten Jahre der Sowjetära beschreibt er, eine Phase, in der das System nur noch vor sich hinsiechte und die Kunst eines der wenigen Ventile war. So ist leto weniger narrativer Film als Zustandsbeschreibung, weniger Geschichte als Emotion. Ein mitreißendes, emotionales Porträt einer Szene, die zwar auf diese spezielle Weise nur im Leningrad der 80er Jahre existierte, in ihrer Universalität aber weit über sie hinausweist.
MM